Demokratiegeschichten

„Per scientiam ad justitiam“ – Magnus Hirschfeld


Magnus Hirschfeld (1868–1935)

… war ein bedeutender Sozialreformer, Sexualforscher und Arzt. Sein Lebenswerk war neben der Forschung, der Kampf für das Recht auf sexuelle Freiheit und der Schutz von Minderheiten. Durch sein Engagement, aber auch sein Dasein als Jude, Homosexueller und Sozialdemokrat, wurde er von Konservativen und vor allem den Nationalsozialisten angefeindet und verfolgt.

Als Arzt beschäftigte sich Magnus Hirschfeld bereits in jungen Jahren mit der Sexualität, sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität des Menschen. Teil seiner wissenschaftlichen Überlegungen zur Geschlechterfrage war beispielsweise das Konzept von „sexuellen Zwischenstufen“, also eine Abweichung von der binären Geschlechtervorstellung.

Postkarte, Rechteinhaber: Archiv der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V., Berlin

Abschaffung des Paragrafen 175

Hirschfeld ist vor allem für sein Engagement im Kampf um die Entkriminalisierung der Homosexualität in Deutschland bekannt. 1897 gründete er in diesem Kontext das „Wissenschaftlich-humanitäre Komitee” (WhK), die erste Organisation für die Bürgerrechte von Homosexuellen. Das WhK beschäftigte sich primär mit der Abschaffung des Paragrafen 175, welcher sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. Das Ziel war es, einen gesellschaftlichen Bewusstseinswandel durch auf Wissenschaft gestützte Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit über Homosexualität zu erreichen. Hirschfelds Motto hierbei war „Per scientiam ad justitiam“ („Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“).

Mit diesem Ansatz konnte Hirschfeld unter anderem der Berliner Kriminalpolizei vermitteln, dass Homosexualität kein wie zu der Zeit angenommen „erworbenes Laster“ ist. Daraufhin soll die Polizei den Entschluss gefasst haben, dass es einfacher ist, die Kontrolle zu sichern, indem man der queeren Community gewisse Freiräume lässt. Entsprechend kann Hirschfeld und seinen politischen Mitstreiter durchaus ein Anteil an der florierenden homosexuellen Subkultur angerechnet werden, vor allem in Berlin. Auch wenn diese bereits kurz darauf durch die Nationalsozialisten zerstört beziehungsweise in den Untergrund verdrängt wurde.

Auch außerhalb von Deutschland engagierte sich Hirschfeld für eine humane Sexualpolitik, Toleranz und Aufklärung. 1921 organisierten er und seine Mitstreiter die „Erste internationale Tagung für Sexualreform auf sexualwissenschaftlicher Grundlage“. 1928 war er zudem an der Gründung der „Weltliga für Sexualreform“ beteiligt.

Endgültig wurde Paragraf 175 StGB übrigens erst 1994 für ganz Deutschland abgeschafft.

Das Institut für Sexualwissenschaft

Nach der Entstehung der Weimarer Republik 1919 gründete Magnus Hirschfeld das Institut für Sexualwissenschaft in Berlin. Unter anderem um seine wissenschaftlichen, aufklärerischen und politischen Ziele und die seiner Mitstreiter umzusetzen. Hirschfeld und die Mitarbeiter des Instituts verbanden in ihrer Arbeit Sexualwissenschaft und Sexualpolitik. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg blieb das Institut nicht nur der erste, sondern auch einzige Versuch, die Sexualwissenschaft akademisch zu etablieren.

Institusgebäude, Rechteinhaber: Archiv der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V., Berlin

Über das Institut wurden soziale wie medizinische Aufklärung, Beratung und Behandlungen angeboten. Unter anderem trans* Personen hatten dort eine Anlaufstelle. Dora Richter, welche heute als erste namentlich dokumentierte Person gilt, die sich geschlechtsangleichender Operationen unterzog, wurde an Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft behandelt.

Am 6. Mai 1933 wurde das Institut von Nationalsozialisten gestürmt und dann geschlossen. Anschließend verbrannten sie einen Teil der umfangreichen Bibliothek des Instituts auf dem Opernplatz in Berlin. Hirschfeld erfuhr von der Vernichtung seines Lebenswerks, während er sich im Exil in Frankreich befand. Hier starb er auch zwei Jahre später an seinem 67. Geburtstag.

Aus Sicht der Gegenwart

Aus heutiger Sicht kann man Hirschfeld als einen frühen Verfechter des Diversity-Konzepts einordnen, welcher mit seiner Arbeit einen Beitrag zur heutigen Queer-Theorie geleistet hat. Diese besagt, dass neben dem biologischen Geschlecht auch andere, von gesellschaftlichen Normen unabhängige Faktoren die vielfältige Identität eines Menschen prägen.

Allerdings erwies sich seine medizinisch-biologische Kategorisierung als unzureichend und nach dem Zweiten Weltkrieg verloren seine Ideen in der Sexualwissenschaft an Bedeutung. Nicht unkontrovers und aus heutiger Perspektive hochproblematisch war zudem die Praxis der Eugenik, für die sich Hirschfeld aussprach, wie im Fall der Zwangskastration von (Sexual-)Straftätern. Auch Homosexuellen wird von Hirschfelds Institut geraten, keine Kinder zu zeugen, denn diese seien nach ihren Ansichten häufig „entartet“.


Morgen ist der „International Transgender Day of Visibility“ (internationaler Tag der Transsichtbarkeit), welcher seit 2009 jedes Jahr am 31.03. begangen wird. An diesem Tag wird die trans* Community gefeiert und ihr Beitrag zur Gesellschaft gewürdigt. Zudem soll das Bewusstsein für die Diskriminierung geschärft werden, mit der trans* Personen weltweit noch immer konfrontiert sind. Die vielseitige und wichtige Geschichte der trans* Community ist den meisten immer noch größtenteils unbekannt. Magnus Hirschfeld, sein politisches Engagement und vor allem das Institut für Sexualwissenschaft sind ein kleiner Teil dieser Geschichte.

Literatur:
Magnus Hirschfeld - 100 Köpfe der Demokratie
Magnus Hirschfeld: Hirschfeld-Eddy-Stiftung
https://magnus-hirschfeld.de/institut/sexualreform/eugenik/
https://magnus-hirschfeld.de/gedenken/historisches/institut/
Der BVT* wünscht einen schönen Trans* Day of Visibility! · Bundesverband Trans*
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Über uns 
Anya H. arbeitet bei Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V. als studentische Hilfskraft.

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